Türchen #14
Türchen #14

Türchen #14

Der Industriecharme im Mülheimer Süden (Köln)

Heute gibt´s mal ein Heimatbild – ohne Dom. Dafür gibt es den geballten Industriecharme Mülheims. Mülheim, das ist meine – wie es in Neudeutsch heißt – Hood. Aufgewachsen zwischen 50er-Jahre Einfamilienhaussiedlungen und riesigen Industrieflächen, zwischen Hochhausghettos und Kleingartenanlagen, zwischen A3, Eisenbahntrassen und Einflugschneise. Würde man Mülheim als eigene Stadt betrachten, so bin auf dem Dorf vor den Toren der großen Stadt, wo jeder jeden kennt, wo Felder und Wäldchen gleich hinterm letzten Garten die Landschaft säumen, und wo wir auf der Straße, im Wäldchen gespielt haben, groß geworden. Hier war alles viel idyllischer als wenige 100 Meter weiter mit dem Eintritt in die große Stadt. Dort säumen große Mehrfamilienhäuser der Jahrhundertwende die Straßen, dort ist es viel lauter, dreckiger, hektischer. Und dann noch die riesigen Industriefläche von Felten & Guillaume (oder „Jilliom“ wie der Kölsche sagt), KHD und Co., die Mülheim groß gemacht haben und prägen.

Das klingt alles ein bisschen romantisch verklärt, ein wenig nach der guten alten Zeit, nicht wahr? Das mag sein, weil im Rückblick doch die meist schönen, erinnerungswürdigen Dinge im Gedächtnis bleiben. Und das ist auch gut so. Natürlich war auch in unserem idyllischen Dort nicht alles schön und gut. Beispielsweise kann es ganz schön nerven neben der A3 zu wohnen, ohne großartigen Lärmschutz, dafür an gefühlt jedem Freitagnachmittag mit viel Tatü-Tata der Polizei- und Rettungswagen.

Wie so vieles ist Mülheim ein Stadtteil im stetigen Wandel – mal schleichend langsam und dann wieder rasend schnell. Und wie immer beim Wandel gibt es gute und weniger gute Entwicklungen. Den Niedergang der Ladenvielfalt der Frankfurter Straße als Haupteinkaufstraße – weg von kleinen Inhaber geführten Boutiquen und Lädchen, in dem nahezu alles zu bekommen war, hin zu einer Billig- und Fressläden-Meile setzte in Mülheim schon in den 90er Jahren ein, als die Innenstädte noch boomten und die Kaufkraft dorthin abwanderte. Und dass sich städtische Bausünden nicht nur auf die 60er Jahre beschränken, hat die Stadt Köln mit dem Umbau des zentralen Wiener Platzes eindrücklich unter Beweis gestellt, dass dies auch in den 90er Jahren prima funktionierte. (Okay, gerade geht die Geografin mit mir ein wenig durch…)

Doch es gibt auch genügend positive Beispiele, wie sich Mülheim in Teilen in lebens- und liebenswerte Ecken verwandelt hat. Das ehemalige Felten & Guillaume-Gelände gehört definitiv dazu. Seit Mitte der 90er Jahre lockt das E-Werk Musikfreunde an und ist seit 25 Jahren Heimat der legendären Stunksitzung. Damit begann der allmähliche Wandel der Industriestandorte hinzu Kulturoasen. Die alten Verwaltungsgebäude und Werkshallen bekommen neues Leben eingehaucht, die Bausubstanz wird erhalten. Auch im ehemaligen KHD-Gelände im Mülheimer Süden setzte diese Bewegung – die Nutzung der alten Industriegebäude durch Künstler*innen aller Couleur – etwas später ein.

Ich war zuletzt im Rahmen der Kölner Museumsnacht seit Längerem mal wieder im Mülheimer Süden unterwegs. Der raue Charme der alten Industriegebäude erweckten sofort nostalgische Heimatgefühle in mir. Das ist und bleibt meine Hood. Doch der Wandel geht weiter. Der Mülheimer Süden gilt als das aktuell größte städtebauliche Projekt in Köln. Enorm viele Wohneinheiten und mehr sollen hier gebaut werden. Ein komplett neues Veedel im Veedel. Teile des Industriecharmes sollen dabei erhalten bleiben. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Wandel gelingt.

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